Phantastisches Mannheim

Die 1. Phantastische Lesenacht hat am Freitag stattgefunden – und der Mannheimer Morgen war dabei. Ich zitiere Markus Mertens:

Bei der großen Lesenacht im Rosengarten unter dem Titel „Phantastisches Mannheim“ ließen Fantasy- und Science-Fiction-Werke keine Müdigkeit aufkommen.

Lesenächte haben inzwischen etwas Angestaubtes, ja fast Antiquarisches. Die Stunden, in denen andere müde sind, haut man sich heute doch tausendmal eher mit Videospielen um die Ohren, als sich in Literarischem zu baden. Tut man es doch, gehört man fast schon zwangsläufig zum alten Eisen, den konservativen Bibliophilen, die sich an klassischer Literatur ergötzen und über Klopstock weinen. Wie verfahren und falsch diese überkommene Vorstellung wirklich sein kann, das zeigten zum Auftakt des Perry Rhodan-Weltcon im Mannheimer Rosengarten jene, die die Fiktion formen, ihr Kontur geben, am deutlichsten. So hatten sich zum „Phantastischen Mannheim“ Autoren wie Kai Meyer und Ju Honisch, Andreas Eschbach und Markus Heitz versammelt, um aufzuräumen mit dem Klischee, das am Ende das Einzige war, das ins Museum gehörte.

Es sollte ein Abend werden, der die Vielschichtigkeit von Geschichten zeigen sollte, die sich eben nicht an irdische Regeln halten müssen. Ob man das nun Science-Fiction oder Fantasy nennen möchte, sei einmal dahingestellt, doch Qualität wird auch hier nicht weniger gefordert, als in dem, was man so selbstverständlich als „klassische Literatur“ bezeichnet. Das Autorenehepaar Iny Lorentz machte den Anfang. In den „Toren der Geister“ ließen sie die Welt in München untergehen und Politiker verzweifeln, deren einzige Sorge die schnellstmögliche Verbindung zur Bundeskanzlerin ist. Dass neben ihnen alles zerbricht, ist nebensächlich, der Staatsmann hat eben seine Aufgaben und die ist keineswegs humanitärer Art. Bei Kai Meyer sieht die Sache da schon ganz anders aus, der -€šnormale‘ Mensch hat gar keinen Reiz. Vielmehr spielt er in „Arkadien fällt“ mit Hybriden, die mit nutzlosen Flügeln und mit geschupptem Gesicht durch die Welt spazieren. Man merkt schnell, es ist ein weites Feld mit diesen Parallelwelten. Doch so weit weg, wie man glauben möchte, dass sie in diesem Moment wären, sind sie gar nicht. Sie sitzen in all ihrer Unterschiedlichkeit genau nebeneinander, in persona. Im rot-samtenen Mittelalterkleid wie Uschi Zietsch, im braunen, ausgetragenen Anzug wie Hartmut Kasper oder einfach nur im roten T-Shirt, wie Christoph Dittert. Die Intonation mit Ju Honisch mal passioniert-aufbrausend, bei Kai Meyer sanft lispelnd, etwas monoton oder völlig aufgepeitscht – alles war dabei und nahm in der fast intimen Atmosphäre des Stamitz-Saals die Zuhörer auf ganz unterschiedliche Art und Weise in Besitz.

Doch Aliens und Kobolde sind eben nicht nur fiktiv denkbar, zumindest nicht, wenn sich Hartmut Kasper geradezu in Comedy-Manier spöttelnd an den extraterrestrischen Themen der Bild-Zeitung abarbeitet. Da ist die Story über Kim Wilde, die ein Ufo erblickte, als Michael Jackson gerade erst einen Tag tot war, noch ein harmloser Kropf! Da tat ein kleines Lesestück aus den „Drei Fragezeichen“ wirklich gut, um wieder ein wenig geerdet zu werden. Und das war auch wichtig, denn nun sollte es groß und imposant werden, zumindest von den Raumverhältnissen her. Über 1200 Gäste füllten den Musensaal, als Andreas Eschbach sich im grau-weiß-gestreiften Polohemd in den Sessel sinken ließ. Er war zweifellos einer der besten Leser des Abends und hatte Großes zu bieten.

Noch nie zuvor hatte er vor Publikum aus seinem brandneuen Roman „Herr aller Dinge“ gelesen. Doch was war das für eine Premiere! Gebannt lauschte man der Idee von Hiroshi Kato die Welt reich zu machen, reich an allem, was sie auch nur irgend gebrauchen könnte. Eine Universalmaschine sollte es richten und Kato baute sie selbst. Seit Kindesbeinen an hatte Kato, die Hauptfigur, diese Vision gehabt. Geschickt wie Eschbach ist, verrät er nicht, ob Kato an sein Ziel kommt, doch die Emotionen hat er geweckt, die Spannung transportiert. Sein Publikum jubelt ihm geradezu frenetisch entgegen. Doch dann ist die Luft ein bisschen raus. Da können sich Oliver Plaschka und Markus Heitz noch so die Seele aus dem Leib lesen, die angebrochene Nacht fordert ihren Tribut. Für all jene, die geblieben sind, ist es jedoch ein packendes Finale, das für Müdigkeit garantiert keinen Platz ließ.

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2 Kommentare zu „Phantastisches Mannheim

  1. Das klingt äußerst gut. Die letzte Lesung, die ich mitmachte, war vor gut drei Jahren im Planetarium in Bochum. Von der alten Stimme von James Bond wurde eine Kurzgeschichte von S. King gelesen, die sehr lovecraftianisch war. Gefiel mir sehrt gut, wurde leider nicht wiederholt

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