Schätzing über SF

Ebenfalls im Rahmen der PR-WeltCon war Frank Schätzing im Rosengarten zu Gast. Im Februar letzten Jahres hatte er ebendort seinen Roman „Limit“ vorgestellt und damit tausende Fans begeistert. Nun war er wieder da, um Perry Rhodan, dem deutschesten aller SF-Phänomene,  zum 50. Geburtstag zu gratulieren, dessen Perryversum gemeinsam mit Disneys Entenhausen nach eigenen Aussagen einst Schätzings Rückzugswelten waren.

Hier nun einige Auszüger des Gesprächs, das Mannheimer-Morgen-Mitarbeiter Markus Mertens bei dieser Gelegenheit mit dem „Vater des Schwarms“ führte:

MM: Was ist das für ein Gefühl wieder in Mannheim zu sein?

Frank Schätzing: Ein angenehmes, und das sage ich nicht einfach so. Ich habe gute Erinnerungen hier an die Lesung und an das große, junge Publikum. Ich sehe mit Freude, dass es hier eine so bemerkenswerte Kulturszene gibt, insbesondere fantastische Musiker.

MM: Als Ehrengast des Perry Rhodan-Cons sind Sie ja nicht zufällig eingeladen worden. Als Kind waren Sie selbst eifriger Perry Rhodan-Leser. In Ihrem Buch „Limit“ erwähnen Sie die Serie sogar. Was fasziniert Sie so an Perry Rhodan?

Schätzing: Das ist nicht mal die Geschichte allein. Es ist vielmehr die Komplexität der Materie und wie dieses Universum über die Jahre expandiert ist. Da ist eine parallele Realität entstanden, so vielschichtig wurde auch die Serie gestaltet.

MM: Das widerspricht doch aber gerade dem Vorwurf, den es an Science- Fiction immer wieder gibt, es handele sich nur um Trivialliteratur.

Schätzing: Ja was versteht man denn unter Trivialliteratur? Wenn man damit meint, dass es unterhaltende Literatur ist, dann ist Perry Rhodan Trivialliteratur im besten Sinne. Ich glaube aber, dass man zwischen Trivial- und Banalliteratur unterscheiden muss, und banal ist Perry Rhodan ganz sicher nicht.

MM: Wo sehen Sie denn da Ihre Rolle? Würden Sie sich als Science-Fiction-Autor bezeichnen?

Schätzing: Bedingt. Science-Fiction ist eine Spielwiese. Sie können große, unbekannte Räume mit allem Möglichen füllen, was gerade in den Sinn kommt. Gleichzeitig müssen Sie aufpassen, dass Sie nicht ins Beliebige abdriften. Ich habe mich ja nie nur mit Science-Fiction beschäftigt. Mit „Lautlos“ habe ich ein Buch über den Kosovo-Konflikt geschrieben, „Die dunkle Seite“ behandelt den ersten Golfkrieg. Ich suche mir meine Themen irgendwo auf der Zeitachse, die Spielwiese dehnt sich bis weit in die Zukunft und zurück bis zum Urknall. Da liegen jede Menge Stoffe. Mal sehen, wo ich nach meinen zwei Ausflügen in die Science-Fiction fündig werde.

MM: Glauben Sie, dass wir teilweise in der Realität mit so viel Widersinn konfrontiert werden, dass ein Ausflug in die geregelte, definierte Science-Fiction-Welt schon fast wohltuend ist?

Schätzing: Truth is stranger than fiction. Manches, was in der Realität geschieht, erscheint tatsächlich so abwegig, dass man es sich kaum ausdenken könnte. Insofern ist das Gros der Science-Fiction-Stoffe mittlerweile auf entspannende Weise vorhersehbar.

MM: Wo ist die Grenze zwischen seriöser Vision und Spinnerei?

Schätzing: Schwer auszumachen. Es gibt allerdings eine Regel. Als Autor darf ich lügen, bis sich die Balken biegen, aber die Lüge muss in sich stimmig sein. Sprich, wenn ich die Naturgesetze auf den Kopf stelle, dann bitte konsequent. Dann erhält man so was Wunderbares wie Harry Potter oder Star Wars. Wer sich die physikalischen Randbedingungen nach Bedarf zurechtbiegt, riskiert, nicht ernst genommen zu werden. Jules Verne zum Beispiel war bemüht, alles so vorstellbar wie möglich zu erzählen. Heute werden Raumschiffe zwar nicht mit der Kanone in den Orbit geschossen, aber Ausstattung und Dimensionen der Kapsel hat er ziemlich genau berechnet, und den Abschussort hat er vorhergesehen: Florida.

MM: Machen Sie sich Gedanken über die Zukunft des Science-Fiction-Romans?

Schätzing: Ich glaube, dass es die Science-Fiction, wie wir sie einmal kannten, gar nicht mehr gibt. In den Siebzigern und Achtzigern standen im Science-Fiction-Regal Romane großer Literaten wie Stanislaw Lem, Isaac Asimov und Philip K. Dick. Heute finden sich da, bunt und krawallig, nur noch verschriftlichte Video- und Rollenspiele, Bücher zu Kinofilmen, Fast-Food-Fantasy. Der Effekt ist aber ein positiver. Früher verschwanden große Romane wie „Solaris“ im Ghetto, alleine schon das Label Science-Fiction diskreditierte sie als Schund. Heute wandern gute Zukunftsromane nicht mehr in die Schmuddelecke, weil sie dem Genre gar nicht mehr zugeordnet werden. Es geht schlicht um die Frage, ob es ein guter Roman ist. Ob der heute, morgen oder vorgestern spielt, ist dabei zweitrangig. Darin liegt für die anspruchsvolle Science-Fiction durchaus eine riesengroße Chance.

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