Rezi: Maschinengeist

Die PhanImagetastik-News haben Maschinengeist besprochen, und zwar so:

Chris Schlicht
Maschinengeist
– von Carsten Kuhr

Wir schreiben das Jahr 1899. Einmal im Jahr weilt der Kaiser in dem industriellen Moloch, der sich aus den einstigen Städten Frankfurt und Wiesbaden gebildet hat, zu Besuch. Die Polizei schiebt Überstunden, die verelendete Bevölkerung der Entlassenen, Heimatlosen und Umstandsverbrecher wird in ihren Elendsquartieren eingekesselt, während der Monarch bei seinem Geldgeber, dem Industriellen Baron von Wallenfels, zu Besuch weilt.

Einst gehörte auch Peter Langendorf zu den Gesetzeshütern, die für die Sicherheit des Kaisers zuständig waren. Als er mit seinem obersten Vorgesetzten, einem unfähigen, sich anbiedernden Karrieristen aneinandergeriet, zog er die Konsequenzen und verließ die Kriminalpolizei. Als Privatermittler fristet er nun ein eher karges Dasein.

Eines Tages erhält er nicht nur einen, sondern gleich zwei lukrative Aufträge. Im Dienste Baron von Wallenfels soll er ermitteln, wer hinter den Anschlägen auf die neueste Errungenschaft des Barons, ein revolutionäres Luftschiff, steckt. Für den gefeierten Künstler de Cassard soll er dessen im Elendsviertel verschollene Halbschwester finden und sie nach Möglichkeit aus ihrem Elend befreien.

So begibt er sich einmal mehr in die Niederungen der menschlichen Existenzen, wie es sie am Rheinufer zuhauf gibt. Hier, wo die Abwässer der Industriekomplexe des Deutschen Reiches das Wasser schwarz färben, wo ständig ein dunkler Pesthauch in der Luft liegt, wo man ohne schützende Augengläser und möglichst eine Atemmaske eigentlich gar nicht unterwegs sein dürfte, kennt er sich aus wie kaum einer seiner Ex-Kollegen. Und hier stößt er auf den roten Fuchs, einen skrupellosen Zuhälter, der den Honoratioren der ach so feinen Gesellschaft für deren perversen Spielchen aus Sex und Gewalt seine Huren zur Verfügung stellt; und die Leichen der zum Dienst gepressten Damen dann gleich noch entsorgt. Wer aber steht hinter dem Fuchs, wer zieht die Strippen, und was haben die Orgien mit seiner Suche nach den Anarchisten, die von Wallenfels’ Luftschiff sabotieren wollen, zu tun?

Zusammen mit seinem Bruder, der aufgrund einer Intrige der Reichen des Reiches seinen Beruf als Architekt verlor, begibt Peter Langendorf sich auf die Suche – und stößt dabei immer wieder auf Beziehungsgeflechte und Spuren, die zum reichsten und mächtigsten Mann des Staates führen…

Selbst im relativ neuen Subgenre des Steampunks hat sich eine gewisse Uniformität eingeschlichen. Immer wieder präsentieren uns die Autoren das viktorianische London mit seinen rauschenden Bällen, Tanzkarten und Bordüren als Kulisse für ihre zumeist dampfbetriebenen Maschinen und deren genialen Erfindern. Chris Schlicht geht in ihrem ersten Roman einen anderen Weg – und das ist gut so!  Voller Eigenständigkeit beschreibt sie uns eine Region, die sie eigentlich aus ihrer Westentasche kennt.

Das Rhein-Main-Gebiet, das uns in „Maschinengeist“ erwartet, hat mit der Region, die wir aus der Jahrhundertwende kennen, nichts mehr gemein. Mutig schafft die Autorin einen Moloch, der all das in sich vereint, was ungehinderter Kapitalismus, Egoismus und perverses Machtstreben aus einst blühende Landschaften machen kann. Die Umwelt ist zerstört, ätherbetriebene Maschinen gehören einer ständig reicher werdenden Oberschicht, das Bildungsbürgertum verarmt zusehends, Korruption und Vetternwirtschaft herrscht überall.

In diese Welt, in der die Massen Arbeit suchender Menschen in Elendsquartieren hausen, von Ausbeutern und Verbrechern als Opfer für ihre jeweiligen Ziele ausgesucht werden und vor sich hin vegetieren, berichtet sie uns ohne falschen Pathos nicht nur von den menschenunwürdigen Umständen, denen die Bewohner der Elendsviertel ausgesetzt sind, sondern auch von denen, die daraus ihren Vorteil ziehen.

Der Reichtum des Wirtschaftsbooms erreicht die, die dafür oftmals mit ihrem Leben bezahlen, nicht. Stattdessen nutzen die die auf der Sonnenseite des Lebens geboren sind, ihren Reichtum dafür, sich perversen Vergnügungen hinzugeben. Das birgt jede Menge glaubwürdig vorgetragene Gesellschaftskritik, ohne dass diese aufgesetzt oder oberlehrerhaft wirken würde. Moral, Ethik, ja das simple Gewissen bleibt auf der Strecke, wenn es darum geht, seinen Reichtum zu mehren, sich alles zu nehmen was das Herz zu begehren scheint, auch wenn dies moralisch verwerflich ist. Dieser Grundtenor durchzieht den Roman, der daneben eine spannende Kriminalgeschichte enthält. Es geht darum, die Hintergründe der Verbrechen zu erforschen, sodass die Ermittlungen unserer ungleichen Brüder viel kriminalistisches Gespür vermitteln. Dagegen treten die Erfindungen um den neuen Antrieb des Luftschiffes in den Hintergrund.

In einem sehr zurückhaltenden Stil, an den ich mich erst gewöhnen musste, erzählt uns die Autorin ihre Geschichte vom Niedergang einer ganzen Region. Es geht ihr darum aufzuzeigen, was Gier und Morallosigkeit aus Menschen machen kann, wie dünn die zivilisatorische Tünche ist, mit der die Menschen sich schmücken. Das hat Tiefgang, verwöhnt uns mit markanten Figuren die ihrer Charakterzeichnung folgend logisch und nachvollziehbar handeln, und liest sich interessant und flüssig.

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