„Mein Kampf 2.0: PC Version“?

quelle: pi-news.netEs fing damit an, dass unsere Familienschröderin sich brüstete, sich beim Vorlesen für ihren Nachwuchs als Ad-hoc-Lektorin zu betätigen und „unerwünschte Worte“ einfach wegzulassen. Nun haben – logische Fortsetzung dieses Gedankens – zwei deutsche Kinderbuchverlage politisch korrekt von ihrem aktuellen Lektorat und wohl auch vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern als anstößig, rassistisch uvm. empfunden Wörter wie Negerkönig, Zigeuner etc. aus ihren Flaggschiffwerken – Pippi Langstrumpf und Preußlers Kleiner Hexe – getilgt. Und prompt entbrennt sehr zurecht die Debatte, ob man das darf.

Die Meldung selbst findet man u. a. hier.

Die Stellungnahme eines Befürworters findet sich hier.

Ich meine: Das geht gar nicht. Weil diese Worte Teil eines Textes sind, mithin eines Kunstwerkes (wie gut oder schlecht der/die Einzelne das Werk auch immer finden mag). Nur weil Frau Lindgren und Herr Preußler sich nicht mehr wehren können, darf man nicht einfach so die Schere an ihren Werken ansetzen.

Der nächste Schritt dieser Denke ist das Zermeißeln antiker Statuen durch prüde Christen wegen ihrer Nacktheit. Und ja, auch wenn man mir an anderer Stelle schon vorgeworfen hat, das Kind mit dem Bade auszuschütten – am Ende steht das Verbrennen unerwünschter Bücher.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin wirklich nicht auf Beifall aus der falschen (braunen) Ecke aus. Aber selbst im Jugendschutz gilt der Kunstvorbehalt. Was hier passiert, ist schlicht – obszön.

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13 Kommentare zu „„Mein Kampf 2.0: PC Version“?

  1. Genau so sieht es aus! Dieses Herumpfuschen in Werken als Feigenblatt bzw. als großspurige (und zumeist bigotte) Toleranzdemonstration ist an Erbärmlichkeit kaum zu überbieten. Kinder werden nicht zu rechten Säcken, weil sie mal in einem Buch das Wort „Neger“ lesen, sondern weil Eltern und die Auswirkungen von kinder- und bürgerfeindlicher Politik sie dazu machen. Da sollte man ansetzen, nicht beim Zensieren von Werken.

  2. Lieber Bernd,

    ich kenne sprachlog (nicht persönlich – als Leser). Aber ich teile die dort geäußerte Meinung einfach nicht. Trotzdem danke für den Hinweis!

  3. Das Argument dafür wäre für mich, dass es halt Kinderbücher sind. Geschichten z.B. HP Lovecrafts lassen sich nicht auf PC zensieren und stehen als historisches Artefakt eben im Raum, wie sie es tun. Aber im (unwahrscheinlichen) Fall, dass Kinder heute überhaupt noch Lindgren, Preußler & Co lesen, und das (so wie ich) auch alleine tun, entsteht das Problem, dass sie mit Begriffen sozialisiert werden, die dann im „echten“ Leben zu Problemen führen. Richtig dumm wird es, wenn diese Kinder selbst „Negerlein“ sind (meines Wissens führte ein schwarzhäutiger Vater deswegen erstmals Klage, kann aber sein, dass ich das falsch abgelegt habe).

    tl;dr: ist doof, wenn Kinder „unmoderiert“ Vokabeln vermittelt kriegen, die auf dem Schulhof dann zu Ärger führen, weil sie’s nicht besser wissen.

    Und als Autor: Kunst Schmunst. Ich fand die Einführung der neuen Rechtschreibung für meine Texte traumatischer 🙂

  4. Hallo Oliver,

    wenn also – deiner Meinung nach – Pippi (bzw. die Bücher) so bleiben soll, wie sie erschaffen wurde dann ist der einzig mögliche Schluß, daß diese Literatur nicht mehr für Kinder verkauft werden kann. Vielleicht noch mit Kommentar, so wie mein Kampf oder so, aber nicht als Spaßlektüre. Denn Kindern zu erklären, warum die diskriminierenden Worte früher mal okay waren, führt weit ab vom Lesespaß und ist bestimmt auch nicht jeder 8jährigen verständlich. Aber zum Glück gibt es ja jährlich hunderte neuer Kinderbücher.

    Deine Meinung interessiert mich,
    Laura

  5. Liebe Laura,

    das ist für mich keineswegs der „einzig mögliche Schluss“. Es gilt hier ja auch die ökonomischen und die Rezeptionsumstände zu bedenken:

    Weder wird das 8jährige Kind, von dem Du sprichst, die exotischwe Ware Buch selbst erwerben noch wird es im Leseerwerb so weit sein, „Die kleine Hexe“ oder „Pippi“ selbst rezipieren zu können – dazu bedarf es der vorleserischen Vermittlung duch die Eltern. (Das Fass, dass Kinderbücher ohnedies nur noch im Bildungsbürgertum rezipiert werden und von daher die ganze Diskussion wahrscheinlich ein insignifikants Artefakt ist, will ich an der Stelle gar nicht aufmachen, um nicht an zu vielen Fronten gleichzeitig zu debattieren).

    In deren Verantwortung möchte ich die Kaufentscheidung legen – und die Pflicht der kritischen Auseinandersetzung mit begriffen, die dem Kind neu sind, also ohnedies der Erläuterung bedürfen.

    Lieben Gruß,

    Oliver

  6. Sprache entwickelt sich, zum Glück. Auch DAS sollten Kinder lernen, wenn sie vorgelesen bekommen und später selber lesen. Ich lese meinen Töchtern die „alte“ Pippi vor und auch die „Kleine Hexe“, die mir schon vorgelesen bekommen. Ich bin dadurch nicht rechtsradikal geworden. Ich war viel faszinierter von Pippi als Person. Ein Mädchen wohnt in einem Haus allein, mit einem Pferd, einem Affen, einer Truhe voll Gold und sie ist stark. Als das Buch rauskam, war das ein Skandal. Also müsste das ganze Pippi-Buch zensiert werden. Ein Kleines Mädchen mit Strapsen und zu kurzem Kleid wohnt in einem verwahrlosten Haus… In einem Armutsbericht würde das geschwärzt. 😉 – Hat die Familienmisterin keine wirklichen Probleme in ihrem Resort?

  7. Hallo Kathrin,

    @andere Probleme: Doch klar.

    Sie muss sich gegen eine Frauenqote stark machen, die Herdprämie durchsetzen helfen und die finanzeille Förderung Maßnahmen gegen Rechtsradikale (Menschen, nicht Bücher) durch Gesinnungsschnüffelei erschweren.

    Die ist schon … busy, irgendwie.

    Und überhaupt … Pippi … müsste das nicht „Vage an Urin gemahnder, aber in realiter jeglicher Fäkalkonnotation unverdächtiger weiblicher Vorname“ heißen?

  8. Sprache is schwär. 😉 Ich lese meinen Töchtern die “alte” Pippi vor und auch die “Kleine Hexe”, die mir schon vorgelesen wurde. So sollte es heißen.

  9. Kann es auch sein, dass das unter anderem eine Verkaufsankurbelungskampagne der besagten Verlage ist? Viele „belesene“ Haushalte (unserer z.B.) haben diese Bücher ja noch in alten Ausgaben, aus unserer eigenen Kindheit – und die hatte ich meinem Sohn, als er in dem entsprechenden Alter war, auch vorgelesen. Nun könnten ja viele Eltern von Kindern in diesem Alter auf die Idee kommen, ihre alten Ausgaben durch die neuen „PC“-Ausgaben zu ersetzen – und es glaubt ja wohl niemand, dass man die alten Ausgaben kostenneutral gegen neue eintauschen kann, oder? Außerdem „helfen“ diese Pressemitteilungen den Verlagen, diese Klassiker mal wieder ins öffentliche Gespräch zu bringen. BTW: in der deutschen Synchro der Pippi-Langstrumpf-Verfilmungen sagt Pippi u.a. auch „Negerkönig“ – müssen die jetzt auch neu synchronisiert werden? Hab die irgendwo auf DVD, aber werde mal interessiert reinschauen, wenn sie das nächste Mal im Fernsehen laufen …

  10. schön, daß ich dazu mal eine stimme aus der branche zu lesen bekomme… hab nämlich auch ziemliche bauchschmerzen damit. und ein schönes beispiel aus meiner kindheit: unsere mutter hat uns (u. a.) bücher aus ihrer kindheit vorgelesen. Nesthäkchen von Else Ury und so. und eines hab ich besonders geliebt, das hieß „Die Puppe Gerda“, weniger bekannt. am ende müssen die leute wegen ausbruch des 1. weltkrieges von ihrer urlaubsinsel schnellstens weg & dem mädel fliegt die geliebte puppe ins brackwasser. das erste opfer des mädchens für den krieg/sieg, sinngemäß so endet das werk. wir kinder waren entsetzt und das führte zu einem langen gespräch, daß die menschen damals eben so dachten, ja, daß das blöd war… alles in allem hat uns das nicht geschadet, sondern eher ein nachdenken angeregt, daß weder geschichtsunterricht noch korrigierte kinderliteratur hätten erzeugen können: selbst in diskussionen über’s nazizeit & mitläufertum fällt mir manchmal die puppe Gerda ein und mein unbehagen, daß die menschen damals eben so dachten. (fortführung dieser gedanken: „Nesthäkchen geht in’s KZ“, was ich leider immer noch nicht gelesen habe…)

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