Von Leiharbeiterlasagne und Neonazigäulen

ard_amazon_reportMein Freund Thomas Zorbach wurde durch einen Artikel des Focus zum Shitstorm-Forscher. Ich vermute mal (ohne ihn am Wochenende gefragt zu haben – da hatten wir andere Themen im Kopf), derzeit kommt er vor lauter Forschen nicht mehr zum (richtige) Nachrichten hören.

Die Er-Eifersucht schlägt nämlich hohe Wellen im digitalen wie im echten Blätterwald, und man sieht denselben vor lauter Aufschrei-Bäumen bald gar nicht mehr. Worum geht es?

Es steht kein Pferd auf dem Flur, nein – es ist Pferdefleisch in der Billiglasagne. Und bei amazon.de werden Leiharbeiter scheiße behandelt.

Wow! Das ist mal ne Überraschung. Demnächst deckt noch einer auf, das Wasser nass ist. Ja was habt ihr denn gedacht, ihr Shitstürmer? Dass Amazon zur weltgrößtem Interneteinkaufskrake – äh – zum weltgrößten Internethandelskonzern geworden ist, weil es so lieb ist?

Und dann „entlässt“ Amazon werbewirksam die umstrittene Sicherheitsfirma (zweifellos nicht ohne vorher eine neue angefragt zu haben, die mit denselben Methoden weitermacht, aber die Ungeschicklichkeit vermeidet, sich mit neonazitypischem Outfit fotografieren und filmen zu lassen), die Wogen schlagen NOCH höher und alle fühlen sich edel, hilfreich und gut und feiern das als Sieg.

Und Pferdefleisch … nun ja. Mir persönlich schmeckt es nicht, aber was eine Gesellschaft isst, ist ebenso ihre interne Abrede wie die Frage, was in ihr als (strafbare) Droge gilt.  Der einzige Skandal besteht hier meines Erachtens aus der Fehletikettierung – und aus dem Grundproblem, das beiden scheinbar disparaten, in Wirklichkeit aber sehr parallelen Meldungen zugrunde liegt: der offensichtlich unumschränkten Herrschaft der Geldgier, vulgo Kapitalismus.

Was mit den toten Pferden geschah diente ebenso wie das, was mit den lebenden Leiharbeitern geschah, der maximalen Profitsteigerung bei gleichzeitiger Außerachtlassung sämtlicher Werte außer dem Mehrwert. Leiharbeit ist per se Instrument dieser Religion der Ausbeutung. „Geiz ist geil“ ist ihr Abendlied, und die Ratingagenturen in aller (westlichen) Welt, die noch immer ungestraft ihrem in meinen Augen verbrecherischen Tun nachgehen, sind ebenso ihre Hohepriester wie die Röslers dieser Welt mit ihrem Gefasel vom selbstregulierenden Markt.

Sicher würde ich gern wie ein Kollege hier „die Konsequenzen ziehen“ und Amazon links – bzw. rechts – liegen lassen, aber das ist in dem Marktsegement, in dem wir uns bewegen, schlicht unmöglich. Amazon diktiert das Überleben zumindest unseres Verlages. Das haben wir zugelassen. Ich auch. Aber solange wir an die Grundprobleme (s. o.) nicht ranwollen, sollten wir uns billige Shitstorms und Siegesfeiern über Peanuts verkneifen. Sonst bleibt alles beim Alten, mit Ausnahme simulierter Pseudo-Partizipation – und die braucht eh keiner, außer um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

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