Steenbergen auf der Couch

teufelsackerDie Phantastik-Couch hat sich in Gestalt ihrer Rezensentin Anja Helmers unseres Teufelsackers angenommen. Lest selbst:

Drei Fuhrleute mühen sich mit ihrem Karren durch Wald und Flur, um Bauholz und Steine zum Münster zu Gleidebach zu bringen. Die Basilika soll um einen repräsentablen Chor erweitert werden und Abt Theoderich ist glücklich, für diese Aufgabe den bekannten Baumeister Gerhard von Rile gefunden zu haben. Als die Fuhrleute den Gemeindewald verlassen, werden sie von einer unsichtbaren Gestalt angefallen. Kurz darauf findet Katharina, die sechzehnjährige Tochter des Bauern Bruno, beim Brunnen ihren schwerverletzten Onkel Anton. Der Mann ist übel zugerichtet, irgendjemand hat ihm am ganzen Körper tiefe Schnitte zugefügt. Anton berichtet, dass ein Dämon sie auf dem Weg zum Münster überfallen hätte und dass die beiden anderen Fuhrleute tot seien. Bruno schickt seine Tochter zur Abtei, um Hilfe zu holen, damit ein heilkundiger Mönch die Wunden Antons versorgt. Außerdem soll sein Knecht den Grafen von Kessel informieren, dass sich ein wildes Tier oder eine Räuberbande in der Gegend herumtreibt.

Heinrich von Kessel, der Sohn des Landvogts, wurde sehr zu seinem Verdruss von seinem Vater ins Kloster gesteckt, um bei den Mönchen des Benediktinerordens zu lernen. Das triste und harte Klosterleben gewinnt für Heinrich erst dann einen Anreiz, als er dem großen Baumeister Gerhard als Gehilfe zugeteilt wird. Als er sich auch noch um die Aufklärung des Verbrechens kümmern soll, beginnt für ihn eine aufregende Zeit.

Das Buch beginnt mit einer atmosphärischen Szene, die gleich alle Register zieht und die Grundlage für die folgende kriminalistische Suche nach dem Übeltäter schafft. Der Korndämon treibt sein Unwesen auf den Feldern des Bauern Bruno und gefährdet nicht nur seine Existenz, sondern bedroht die ganze Gemeinde.

Geschickt verbindet Carsten Steenbergen die aus dem Brauchtum als Kinderschreck bekannte Gestalt eines Korngeistes mit der Legende um die Gründung des Mönchengladbacher Münsters. Mit dieser originellen Idee erschafft er einen stimmungsvollen Gruselroman, der zum Genre Mystery gehört. Das Leben der Bauern, der Alltag des Klosterlebens und der Ausbau des Münsters erscheinen bildhaft vorm Auge des Lesers. Die sympathischen Protagonisten werden ausführlich aus der Sicht des allwissenden Erzählers eingeführt, ihr Beziehungsgeflecht einfühlsam vorgestellt.

Dabei benutzt der Autor einen altmodischen, adjektivlastigen und ausholenden Erzählstil.
Begriffe wie beispielsweise: eilfertige Rede,schmucker Knecht, erfahrener Kämpe, vorwitziges Weib usw. suggerieren einen mittelalterlichen Touch. Leider schleichen sich aber immer wieder Redeweisen oder Begriffe ein, die viel zu modern klingen.

„Die Wunden müssen effektiver versorgt werden, als Vater es vermag“, sagt Katharina zur Magd Maria. Ob eine einfache Bauernmagd das Wort ´effektiv´ kennt, darf bezweifelt werden, genauso, dass der Knecht Karl das Lob des Bußpredigers verstanden hätte, als dieser meint: „Das war eine rhetorische Meisterleistung, mein Freund.“

Sicherlich ist das eine Geschmackssache, aber für mich haben der altbackene Erzählstil und die weitschweifigen Gedankengänge der Protagonisten zu einem ärgerlichen Spannungsabbau geführt.

Die Geschichte verläuft geradlinig, der Leser besitzt teilweise einen Wissensvorsprung gegenüber den Protagonisten, und da die Schurken von Anfang an deutlich negativ dargestellt werden, kommt es zu keinen großen Überraschungen bei der Auflösung des Rätsels. Die Protagonisten, allen voran Heinrich, handeln manchmal arg naiv und Kommissar Zufall hilft aus. Der Showdown ist trotz allem spannend und bietet gelungene Action.

Als störend habe ich manche unplausiblen Verhaltensweisen und unstimmige Details empfunden, die mit einem gründlicheren Lektorat sicher hätten behoben werden können. Beispielsweise wird aus Brunos einfachem Bauernhof plötzlich an manchen Stellen ein Gutshof. Anfangs erfährt der Leser, dass Bruno zwei Knechte, Johann und Karl, und eine Magd namens Maria hat, dann wieder ist im Text die Rede von Brunos Knechten und Mägden. Ein einfacher Bauer im Mittelalter wird kaum über ein großes Gesinde verfügt haben. Warum im Herbst das Korn noch auf den Feldern steht, obwohl Getreide im Hochsommer geerntet wird, wird ebenfalls nicht erklärt. Ein Gewitter an einem unbeständigen, kalten und nassen Herbsttag erscheint ebenso merkwürdig wie Brunos Verhalten, ausgerechnet seinen einzigen Schatz, nämlich seine Tochter Katharina, in die dunkle Nacht zur Abtei zu schicken. Warum setzt er seine Tochter der Gefahr aus, dem Unhold zu begegnen, obwohl es sinnvoller gewesen wäre, den Knechten diese Aufgabe zu überlassen? Beim Tagesablauf der Mönche heißt es an einer Stelle, sie würden zur vierten Stunde geweckt, und an anderer Stelle steht, dass sie bei Sonnenaufgang zur ersten Messe gerufen werden. Im Herbst geht die Sonne aber ganz bestimmt nicht um vier Uhr Morgens auf.

Wem solche Details nicht auffallen, oder wen es nicht stört, bekommt mit Teufelsacker einen lesenswerten Schauerroman ohne allzu großen Horroranteil, mit einer netten Liebesgeschichte und sympathischen Protagonisten.

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