Song der Woche KW 4

Nach Frauke Petry und Olaf Henkel bei Maischberger und einer Demo gegen die AfD gestern hier in Mannheim ganz klar:

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Rede an die Nichtgutmenschen

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Weil ich die Welt und allerlei Gemensche darin grad ziemlich zum Kotzen finde, hier quasi unkommentiert ein Text des von mir seit 30 Jahren sehr geschätzten Konstantin Wecker.

lieber mitmensch
der du so gerne gewisse menschen verächtlich oder auch wütend als gutmenschen zu entwürdigen versuchst
ich hätte da eine frage:
was stört dich denn nun so am gut-sein-wollen mancher deiner artgenossen?
dass er sich sorgt um sich und seine lieben
in einer gesellschaft, die, ungeübt im miteinander, das gegeneinander zum fetisch erhebt,
in einer gesellschaft, die statt fürsorge konkurrenz aufs banner geschrieben hat,
statt mitgefühl gleichgültigkeit
was stört dich so an jemandem, der sich nicht damit abfinden will
dass die meisten wohlhabenden oft nur noch verachtung übrig haben für die viel zu vielen armen,
verachtung statt mitgefühl
arroganz statt bescheidenheit

was stört dich daran, dass manche schlecht schlafen, weil sie wissen,dass ihre lebensweise mit schuld daran ist, wenn mehr als 25.000 kinder pro tag an hunger sterben.

und sie schlafen schlecht für sich allein und ohne deinen sicher wohlverdienten schlaf zu stören,
ja, lieber nichtgutmensch, warum verspottetst du jene, die lernen wollen ihr herz zu öffnen für alle, die „drunten sterben, wo die schweren ruder der schiffe streifen“, auch wenn sie „beim steuer droben wohnen und voglelflug kennen und die länder der sterne“
warum nur verachtest du alle, die sich stark machen für jene, die zu schwach sind um für sich zu sprechen
warum verachtest du die schwachen, lieber nichtgutmensch,
weil wir in einer gesellschaft der starken und kräftigen leben und weil nun mal die meisten die schwachen verachten,
weil sie es so gelernt haben als kinder
und es ihnen von starken und engstirnigen, verzweifelten und verschlossenen männern eingebläut wurde,

könnte es sein, lieber mit-und nichtgutmensch
dass es dich stört wenn nicht alle mitjohlen im jubilate über den freien markt, ein gesangsverein, der oft so burschenschaftlich daherkommt,
könnte es sein, dass dich manche eben doch verunsichern,
weil sie ihr herz nicht verschlossen haben und weiterhin versuchen mit ihm zu denken,
könnte es sein, dass diese gutmenschen, die, soviel ich weiß dir persönlich nie etwas angetan haben, dein heim nicht zerstört,
dein guthaben nicht geplündert, dein auto nicht zu schrott gefahren haben, dir dein bankkonto nie gekündigt haben,

könnte es sein, dass sie dir etwas wieder entdecken und aus der versenkung holen was du verbannt hast aus deinem sein und fühlen, könnte es sein, dass sie dich an etwas erinnern was du immer noch in dir trägst, aber schon lange zu entsorgen versucht hast, könnte es denn sein, werter nichtgutmensch (denn es käme mir nie in den sinn dich als schlechtmensch zu diffamieren) könnte es also sein, dass wegen dieser verdammten gutmenschen so was wie ein gewissen in dir wieder zum leben erwacht und du deshalb so verächtlich und respektlos bist?

und glaub mir, verehrter nichtgutmensch, egal ob sie etwas erreichen oder nicht,
ob sie die welt verändern oder mit ihr und an ihr zu grunde gehen, diese gutmenschen sind mir tausendmal lieber und wertvoller, liebenswerter und spannender, erotischer und witziger als all die karriereversessenen sich nichteinmischer, sich ausallemraushalter,  all diese überheblich lächelnden und ewig pubertierenden coolen, unlebendigen, farblosen und dumpfen drübersteher.
mögen sie noch so angeblich klug parlieren und schwadronieren – sie nehmen nicht wirklich teil am leben, sie sind nie mittendrinund deshalb aus allem raus.

und wirklich, du lieber nichtgutmensch, auch dich hätten wir gern auf unserer seite, der seite der meist erfolglosen,oft genug scheiternden, immer suchenden, gern staunenden und verzweifelt liebenden.
aber so du denn nicht zu uns stoßen willst, beschimpf uns ruhig weiter.
wir sinds gewöhnt
und dir scheint es ja auch gut zu tun.

Trost aus dem Kofferraum

ImageFrühwinterabend auf der Autobahn, Leihwagen. Stockfinster um fünf. Alle und ihr Bruder treffen sich zum abendlichen Rush-Hour-Stelldichein auf der A3. Muss in den Pott, aber das TomTom ist inkompatibel mit meinen Wurstfingern. Nebel deutet nonchalant an, er sie zum Überfrieren fähig und bereit. (Bitte nicht, sonst fahren die wieder alle, als sei in Deutschland noch nie Winter gewesen). Im Supermarkt zuvor hastig das Essen eingekauft, auf das in Oberhausen gefühlt seit Stunden fünf knurrende Mägen warten. Im Radio: SWR3-Nachrichten. Die große Koalition gibt sich alternativlos und stümpert einen Vertrag zusammen, der „Deutschlands Zukunft gestalten“ heißt, sich aber eher liest wie ein Ehevertrag, der nach der Zerrüttung formuliert wurde. Er ist das Papier nicht wert, auf das er gedruckt wird. Versuche in einer Stimmung zwischen Totaldepression und dumpfer Wut, mich selbst mit Konstantin Wecker zu agitieren. Der sinniert über Angela Merkels Brüste. Auch hier wenig Rettung in Sicht.

Dann erklingt unvermittelt, irgendwo kurz vor Köln, die Stimme der allwissenden Frau im Kofferraum, Miss TomTom. Schmeichelnd, sanft und unübertrefflich klug sagt sie in die Nebelnacht:

„Bleiben Sie links.“

Ich atme auf.

Na also. Geht doch.

Wut & Zärtlichkeit

Die Veranstaltungsreihe, die das Konstantin-Wecker-Konzert am Samstag hier im Luisenpark eröffnete, heißt „Seebühnenzauber“ – und besser kann man das Konzerterlebnis nicht mit einem Wort umreißen.

Wir hatten die Karten zum Konzert bei einem Preisausschreiben der GEMA gewonnen, aber das tat der Freude keinen Abbruch.

Ab mittags hatte es in Ludwigshafen drüben gebrannt. Eine apokalyptische schwarze Rauchwolke hatte den Kurpfalzhimmel beherrscht. Aber davon merkte man beim Wecker-Publikum, das in Bier-, Sekt- und Hugo-Laune war, wenig.

Ich hatte Konstantin Wecker, dessen Konzerte früher Pflichtprogramm für mich waren, lange nicht gesehen. Das letzte Livekonzert liegt im letzten Jahrtausend. Inzwischen ist er ein 66 Jahre alter Silberrücken. „Wecker? Lebt der noch?“, hatte der liebe Oli Graute im Vorfeld überrascht gefragt.

Wecker selbst war beißend direkt und witzig, zart und ausdrucksstark und natürlich wie immer ein Virtuose am Flügel. Vor allem aber auch Weckers Band ist Extraklasse an diesem Abend. Das Trio, das da neben dem Meister agiert, besteht aus Jo Barnikel (Keys, Flügelhorn, Percussion), dem musikalischen Leiter der Tour, Jens Fischer-Rodrian, der auf der Live-Doppel-CD zur Tour nur schlicht „Fischer“ heißt und sonst diesen Job bei der weltberühmten Blue Man Group versieht (Gitarren, Percussion, Schlagwerk) und Nils Tuxen (Pedal-Steel-Gitarre, Gitarren, Bass, E-Sitar, Mundharmonika, Gesang).

Barnikel ist seit 1993 musikalischer Begleiter von Konstantin Wecker, und die beiden harmonieren blind. Beide spielen ihr Instrument, als hätte Wecker es geschafft, an zwei Flügeln gleichzeitig zu agieren. Wecker nennt ihn seinen „musikalischen Lebensgefährten“, und so atemberaubend gut klingen die zwei auch zusammen. Überhaupt kleidet das Trio alte wie neue Stücke in musikalische Gewänder, die neben Nostalgie und Freude an den mir noch unbekannten Stücken vor allem Spaß an dieser virtuosen Musikalität aufkommen lässt.

Drei Stunden inklusive Pause spielen Konstantin Wecker und Band neue und alte Stücke.

In die Zugabe kommt störend der Regen. Aber die vier lassen sich nicht stören, decken die Instrumente ab, spielen weiter. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist.“ Wecker geht im Publikum spazieren. „Questa nuova realtà“.

Aufrufe zur Empörung stehen gleichberechtigt neben dem großen Werk „Weltenbrand“, Rilke-inspiriert, und Anti-Merkel-Couplets.

Die weiteren Konzerte des Sommers dürften es schwer bei mir haben.