Die Widdewiddewitt-Regierung

Alle vier Jahre isses soweit … alle Schaltjahre (!) veröffentlicht die Bundesregierung einen Armutsbericht.

Es sei an dieser Stelle (ausnahmsweise) mal davon abgesehen, dass in einem Land, wo ein in Unehren geschiedener Bundespräsident mehr „Ehrensold“ im Jahr fürs Dagewesensein bekommt als ich in sieben Jahren verdiene, nämlich 217.000 Euro, dazu Büro und 2 Mitarbeiter, die Notwendigkeit eines solchen Berichts eine Schande für uns alle ist.

Heute soll es mal darum, gehen, dass das von Ursula von der Leyen geführte Arbeitsministerium sich offenbar entschlossen hatte, mal Ross und Reiter zu nennen. Im Entwurf des diesjährien Berichts, der den Zeitraum 2007-2011 beleuchtet, standen Sätze wie: „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“. Dieser Satz fehlt in der im Januar erscheinenden Endfassung komplett. Oder: „Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Mio. Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.“ Dieser Satz wurde ebenfalls gestrichen. Lügen durch Weglassen – ein alter Zopf.

In der ersten Variante stand außerdem zu lesen: „Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen.“ Diese Aussage, so Kritiker aus Röslers Wirtschafts- und Schäubles Finanzministerium, “ verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“. Gut aufgemerkt, Wolfgang, priiiima, Sprechmaschine Phillip – wenn die Mehrheit der Bevölkerung zugunsten der Geldelite ausgenommen wird, dann findet die das uncool, und da ist dann plötzlich nicht mehr alles Freude und Sonnenschein. Und mit was? Mit Recht. Stattdessen wird nun angeführt, sinkende Reallöhne seien „Ausdruck struktureller Verbesserungen“ am Arbeitsmarkt.

Sinkende Reallöhne sind ein Ausdruck der Besserung? Habt ihr sie noch alle? So dumm ist nicht mal die deutsche Bevölkerung, wie ihr sie verkaufen wollt.

Mir fällt dazu ein alter, aber sehr gültiger Text von Heinz Rudolf Kunze ein:

Variationen über einen Satz des Bundesinnenministers aus dem Monat Juli des Jahres 1983

 Mutloses Abwinken

ist Mut

Tatenloses Zusehen

ist Tat

Rechtloser Zustand

ist Recht

Hoffnungslose Anpassung

ist Hoffnung

Rettungslose Verzweiflung

ist Rettung

Skrupelloser Zynismus

ist Skrupel

Schonungslose Ausrottung

ist Schonung

Erbarmungsloses Dreinschlagen

ist Erbarmen

Gnadenlose Zukunftsvernichtung

ist Gnade

So hätten sie’s gern

gewaltloser Widerstand

ist Gewalt

widerstandslose Gewalt aber

Ist nur Widerstand

gegen die Gewalt der Gewaltlosen

 

Und ein ärmelloses Hemd

ist ein Norwegerpullover

Und George Orwell

ist Walt Disney

Genau – und Philipp Rösler ist Pippi Langstrumpf. Seine Begründung für die Ergebnisklitterung war nämlich, dass der Bericht nicht „der Meinung der Bundesregierung“ entspreche. „Ich mach mir die Welt, widdewiddewie sei mir gefällt …“

Herr Rhodan empfiehlt

Taschenbuch: »Die dunkle Seite der Nacht« von Simon R. Green

Besonders lieb sind mir ja die Kollegen, die auch mal über den Tellerrand hinausschauen. Zu denen gehört der geschätzte Klaus N. Frick. Er wollte von mir einen Titel aus unserem Verlagsprogramm empfohlen haben, ich gab ihm Nightside 1 mit, und er hats nicht nur gelesen, sondern auch besprochen – und zwar so:

Die Redaktion empfiehlt: »Die dunkle Seite der Nacht« von Simon R. Green

16.11.2012 08:00

Starker Einstieg in die »Nightside«-Serie

Meist bespreche ich auf der PERRY RHODAN-Homepage solche Romane, Comics und Hörbücher, die einigermaßen aktuell sind – das »gehört sich« normalerweise so für Rezensenten. Das Buch, das ich diesmal vorstelle, kam schon 2003 auf den englischsprachigen Markt und wurde 2006 in deutscher Sprache veröffentlicht; als »neu« kann man das nicht bezeichnen. Immerhin las ich die dritte Auflage des Werkes, die 2012 in den Handel kam …

Gemeint ist der Roman »Die dunkle Seite der Nacht«, den der englische Autor Simon R. Green verfasst hat und der den ersten Teil der »Nightside«-Serie bildet. Das Buch hat mich derart gepackt, dass ich mir bei Gelegenheit die anderen Romane der Serie besorgen werde – Green liefert einen fesselnden Genre-Mix, der zumindest mir sehr viel Spaß machte.

Der Roman beginnt wie ein klassischer Krimi: John Taylor ist Privatdetektiv, aber kein sonderlich erfolgreicher, und er schnüffelt in London hinter irgendwelchen Menschen her. Sein Geheimnis: Mitten in London gibt es die sogenannte Nightside, eine abgeschirmte Parallelwelt, zu der nur diejenigen Zutritt erlangen, die über gewisse Fähigkeiten verfügen – und aus dieser Nightside stammt Taylor eigentlich. Nie wieder will er dorthin zurückkehren.

Doch seine Pflicht und eine reiche Auftraggeberin bringen ihn dazu, wieder in die Nightside zu gehen, begleitet von seiner Auftraggeberin. An seiner Seite erlebt die selbstbewusste Frau die haarsträubendsten Abenteuer, trifft auf seltsame Wesen und unheimliche Menschen, stolpert durch grauenvolle Szenerien und kommt immer tiefer hinein in die Nightside, die sich abwechselnd als ein einziger Alptraum oder als skurrile Fantasy-Welt präsentiert.

Dabei geht es durchaus heftig zu: Massenmörder und psychotische Monster treiben in der Nightside ihr Unwesen, es kommt zu wahren Blutbädern – und John Taylor zeigt sich als ein Mann, der über Freunde verfügt, die normalerweise in eine geschlossene Anstalt gehören …

»Die dunkle Seite der Nacht« erweist sich als knallige Mischung aus hartem Krimi, schräger Fantasy und derbem Horror. Blut spritzt, zynische Sprüche werden geklopft, und der Humor ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich habe mich bei dem Roman bestens unterhalten; der Autor erzählt rasch und mit einem Gespür für Szenen, die in der Erinnerung bleiben. Abseits der Splatter-Effekte, die er gelegentlich einbaut, zeigt Simon R. Green darüber hinaus eine schöne Ideenvielfalt – er überrascht durch Einfälle, die ich bislang nicht gelesen habe.

Die Gestaltung des Buches unterstreicht das Ganze: Kapitel werden durch schöne Vignetten eingeleitet, das düstere Cover ist für einen phantastischen Roman eher ungewöhnlich. Der kleine, aber feine Verlag Feder & Schwert, in dem die »Nightside«-Reihe erscheint, präsentiert die Serie in einer Weise, die mich sehr anspricht.

Mit 201 Seiten ist der rasant zu lesende Roman rasch vorüber – ich langweilte mich auf keiner Seite und ließ mich bereitwillig in das bizarre Geschehen hineinziehen. Wer Lust auf ungewöhnliche Phantastik hat, dürfte an dem Roman seine Freude haben, ebenso an der gesamten Serie. Das Taschenbuch gibt es für 10,95 Euro überall im Buchhandel, ebenso bei Versendern wie amazon.de; mithilfe der ISBN 978-3-937255-94-1 kann es leicht bestellt werden.

Selbstverständlich gibt es den Roman auch als E-Book, unter anderem für den Kindle. Die digitale Version kostet 6,99 Euro. Und wer den Verlag selbst unterstützen möchte, bestellt das Buch über dessen Shop-Seite.

Verlassen von allen guten Geistern

So, das war’s für mich mit „The Voice of Germany“. Schade eigentlich, die Sendung hat mir Spaß gemacht. Aber wenn schon, dann richtig – und Xavier Naidoo, wie ich selbst ein bekennender Sohn Mannheims, wird von mir – und hoffentlich immer mehr Menschen, die zwischen den Ohren mehr als Schallraum haben – ab sofort mit Verachtung gestraft.

Ich fand ihn solo musikalisch ja bisher schon immer schwer erträglich, obgleich ich (vor allem von der Idee her, aber auch musikalisch) das hiesige Musikerkollektiv, dessen Mitglied Herr Naidoo ist, nämlich die Söhne Mannheims, sehr schätze. Aber seit der Xaver sich mit Kool Savas alias Savas Yurderi, geboren  am 10. Februar 1975 in Aachen, zusammengetan hat, einem musikalisch wie textlich schon immer eher minder bemittelten Rapper, wurd’s ganz schlimm.

Ebenso naheliegend wie einfallslos nannte man sich duettierend „Xavas“ und veröffentlichte das Album „Gespaltene Persönlichkeit“. Und auf eben diesem findet sich der Stein meines Anstoßes, der „hidden Track“  Wo sind sie jetzt. Ich werde diesen geistigen Dünnschiss hier nicht verlinken, wer sich eine eigene Meinung bilden möchte: Google ist euer Freund.

Aber eine Kostprobe muss sein:

Ich schneide Euch jetzt mal die Arme und die Beine ab und dann fick ich Euch in’n Arsch, so wie ihr’s mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würd’ ich Euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch Euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und Eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst Du keine Möse? Weil jeder Mensch doch aus einer ist.

 (…)

Wo sind unsere Helfer? Unsere starken Männer? Wo sind unsere Führer? Wo sind sie jetzt?

(…)

Wenn die Treibjagd beginnt, ziehen sie los, um zu wildern. Denn ihr Durst ist unstillbar und schreit nach ‘nem Kind. Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht. Mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babies abgeschlachtet.

Kurzum: Eine wirre Soße aus Verschwörungstheorien, Aufrufen zu Selbstjustiz und Gewalt, Homophobie und Schreien nach einem „Führer“ … womit bewiesen wäre, dass faschistoide Sehnsüchte keines Blond-und-blauäugig-und Glatze-und-Bomberjacke-Klischeetypen bedürfen.Die Linksjugend [’solid] sieht strafrechtlich einen Anfangsverdacht wegen eines Aufrufs zur schweren Körperverletzung und zum Totschlag und wegen Volksverhetzung gegen Xavier Naidoo und Kool Savas, mit bürgerlichem Namen Savaş Yurderi, als gegeben an. Aus diesem Grunde hat sie heute Strafanzeige bei den Staatsanwaltschaften Berlin, Mannheim und Hannover erstattet. Die Anzeige richtet sich darüber hinaus gegen die Verantwortlichen der Vertriebsfirma Tonpool Medien GmbH sowie der Plattenlabels Naidoo Records und Essah Entertainment.

Ich kann’s verstehen.

Himmelfallskommando

Ich habe gestern „Skyfall“, den aktuellen Bond, gesehen. Und ich wünschte, ich hätte es bleiben lassen.

Hier also eine kurze Warnung an alle, die diese Zeitverschwendung noch vermeiden können. Der Film ist einfach … stinklangweilig. Er ist kein Actionfilm, denn in Löcher fahrende U-Bahnen und jede Menge Detonationen machen eben noch keine Action, sondern nur Getöse. Er ist nicht witzig, denn ein guter Oneliner („Welcome to Scotland“ aus dem Mund des Mannes, der aussieht wie der Nikolaus) ist dafür einfach zu wenig. Er ist nicht originell, denn über diesen Dachfirst in Istanbul habe ich vor Clive Owen vor 3 Jahren in „The International“ und unlängst Liam Neeson in „Taken 2“ rennen sehen.

Schlimm auch: „Skyfall“ nimmt sich schrecklich ernst, doch das Melodram „Bond wird zu alt für den Job ogottogott“ verliert jede Spannkraft, da wir wissen, dass D. Craig einfach demnächst gegen einen jüngeren … Akteur (schauspielern muss man dafür nicht) ausgetauscht werden wird.

Das konnte nicht mal Javier Bardem rausreißen, der eine supereindimensionale Schurkenfigur gut zu spielen versucht, aber letztlich auch wie eine Knallcharge wirkt, weil er gegen den Lärm anbrüllen muss, den der Film macht, weil er Inhalt nicht kann.

Mir ging es wie Judi Dench (M), der man auch ansieht, dass sie sich ab Minute 1 wünscht, der Film möge bald zu Ende sein.

Lichtblicke: Adeles Titelsong und das unverwüstliche Bond-Theme.

Fazit: Spart’s euch.

Kleine Gefallen

Die Phantastik-Couch hat den neuen Jim Butcher besprochen, und zwar so:


Kleine Gefallen
Die dunklen Fälle des Harry Dresden 10
(Small Favor)
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Dominik Heinrici
Titelillustration von Chris McGrath
Feder & Schwert, 2012, Taschenbuch, 608 Seiten, 14,99 EUR, ISBN 978-3-86762-109-0 (auch als eBook erhältlich)

Von Carsten Kuhr

Chicago im Winter. Es schneit, was vom Himmel runterkommt, und nicht nur Harry Dresdens alter, ehemals hellblauer VW-Käfer hat so seine Probleme auf den eisigen Straßen in der Spur zu bleiben, auch Harry selbst droht einmal mehr aus seiner Spur geworfen zu werden. Dabei schien doch gerade einmal alles richtig gut für den neu bestellten Wächter des weißen Rates zu laufen.

 

Der Kampf des weißen und des roten Hofes der Vampire wurde beendet, die Wächter des weißen Rates können ein wenig Luft holen, und seine Auszubildende macht Fortschritte. Doch dann greifen ihn und seine Freunde Feen an, Mab, die Herrin des Winterhofs der Sidhe, fordert einen alten Gefallen von ihm und die Sommerkönigin der Sidhe entsendet ihre Geißlein – ja, die, die in den Märchen den bösen Wölfen immer eine lange Nase drehen – und Hobbs, um ihn niederzumachen. Als wäre das noch nicht genug Aufregung im Leben des Magiers, soll er auch noch den verschwundenen Anführer des organisierten Verbrechens aus Gefangenschaft befreien.

Hinter all dem steckt, ein Schelm, wer Böses dabei denkt, einmal mehr Nicodemus, der Anführer der Denarier, der gefallenen Engel. Dass er sich wieder nach Chicago traut ist bedenklich, denn ihm geht es nur um Eines, um den Weltuntergang. Dass das Archiv, der menschliche Wissensspeicher im Körper eines kleinen Mädchens, sein Ziel ist, macht die Sache für Dresden zu einer persönlichen Angelegenheit, zumal auch andere Mächte ihn zu ihrem unfreiwilligen Streiter auserwählt haben…

 

Das Rezept, nach dem Jim Butcher seine Harry-Dresden-Romane strickt, ist eigentlich denkbar einfach. Zunächst, ganz zu Beginn jedes Romans, scheint alles rund um Harry, soweit dies überhaupt möglich ist, in Butter zu sein, dann taucht ein Problem, so im Sinne von existenzieller Gefahr für die Welt auf, und dann – wird es rapide schlimmer. Wenn dann endlich alles, aber wirklich auch alles, den Bach runtergeht, dann legt Butcher noch eine Schippe drauf und dann geht der Punk ab.

Zwischenzeitlich sind seine Figuren ebenso eingeführt wie die übersinnliche Welt mit Sidhe, Engeln und Vampiren. Auch unseren Filou, den ewig trotteligen Loser mit dem Columbo-Charme, kennen wir auswendig. Dennoch gelingt es Butcher immer wieder von neuem, seine Leser einzufangen und auf seine rasante Tour de Force mitzunehmen. Gerade weil wir die Hintergründe verinnerlicht haben, weil wir die Welt des Harry Dresden zwischenzeitlich kennen wir unsere Hosentasche, hat der Autor den Platz, immer wieder darauf aufbauend neue Verwicklungen einzuführen. Das Geflecht wird dabei immer komplizierter, unübersichtlicher und für einen Neueinsteiger unter den Lesern kaum mehr nachvollziehbar. Insofern ist es nur folgerichtig und zu begrüßen, dass die ersten, lange vergriffenen Bände um Harry von Feder & Schwert neu aufgelegt werden.

Inhaltlich wartet, wie bereits erwähnt, ein Actionknaller per Exzellenz auf den Leser. Vor dem inneren Auge tauchen entsprechende Bilder aus Kino-Blockbustern auf, wenn das städtische Aquarium Chicagos geflutet wird, riesige energetischen Käfige als Gefängnisse dienen oder Hubschrauber in nächtliche Feuergefechte verwickelt werden.

Zwar ist das aktuelle Abenteuer in sich abgeschlossen, es bleiben aber jede Menge offener Fäden die nach einer Fortsetzung schreien. Das entfaltet dann einen gewissen Sog-Effekt, lässt den Leser nägelkauend auf das Erscheinen des Folgebandes zurück. Erstaunlich dabei, dass es Butcher bei all der rasanten Action immer noch gelingt, seine Gestalten glaubwürdig zu zeichnen, ihre Menschlichkeit aufzuzeigen und sie nicht als überlebensgroße Helden zu portraitieren. Beste Unterhaltung für alle Fans und die, die es noch werden wolle also!

Nachfolgend kurz die Reihenfolge der Romane – Jim hat letztens kundgetan, dass er beabsichtigt insgesamt 24 Harry-Dresden-Romane zu schrieben – für Nachschub ist also gesorgt.

1 Sturmnacht
2 Wolfsjagd
3 Grabesruhe
4 Feenzorn
5 Silberlinge
6 Bluthunger
7 Erlkönig
8 Schuldig
9 Weiße Nächte
10 Kleine Gefallen
11 Turn Coat
12 Changes
13 Ghost Story
14 Cold Days