Herr Tucholsky, übernehmen Sie!

Aus gegebenem Anlass und ohne weitere Kommentierung hier ein Artikel, den der von mir verehrte Kurt Tucholsky am 27. Januar 1919 unter dem von ihm häufig verwendeten Pseudonym Ignaz Wrobel im Berliner Tageblatt veröffentlichte.

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: «Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.»
Johannes: «Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.»
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ‚Simplicissimus‘ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (‚Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‘), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

Quelle: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1975. ISBN 3-499-29011-1. Band 2: 1919-1920.
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Der Mannheimer Morgen: Journalismus, wie er gar nicht geht

Am kommenden Freitag beginnt der Perry-Rhodan-WeltCon 2011, hier in Mannheim, im schönen Kongresszentrum Rosengarten. Der Pabel-Moewig-Verlag in Gestalt meines lieben Kollegen Klaus Frick hatte Feder & Schwert zur Mitveranstaltung der Lesenacht „Phantastisches Mannheim“ eingeladen. Wir haben gerne eingewilligt und zusammen mit den Kollegen aus Rastatt ein attraktives Freitagsprogramm von Andreas Eschbach über Oliver Plaschka und Ju Honisch bis hin zu Kai Meyer und Markus Heitz aus der Taufe gehoben.

Dass die Veranstaltung eine große Sache wird, hat sogar der Mannheimer Morgen mitbekommen. Und er hat berichtet. Eine ganze Zeitungsseite, die erste Seite der Wochenendbeilage vom 24. 9. Mit gleich zwei bunten Perry-Bildchen, eins davon richtig schön groß, damit man nicht so merkt, dass der Inhalt des Artikels eine Collage aus der Pressemitteilung und einem Interviewschnipsel mit einem Mannheimer Comichändler ist, der auch Perry verkauft. Ging ja auch nicht anders – denn weder mit uns noch mit Pabel Moewig hat Heike Rentsch, Verfasserin des Ganzseiters, gesprochen. Okay, zugegeben, das wäre Mühe gewesen …

So erfährt der geneigte Leser nun Wichtiges, wie etwa dass Heft Nummer 2614 „Navigator Quistus“ heißen wird. Nur … dass ein Mannheimer Verlag Mitveranstalter des ganzen Spektakels ist, die Info hat es nicht ins Blatt geschafft. Mit keinem einzigen Wort. Gut, dafür hätte man recherchieren müssen. Oder wenigstens mal auf eine der Werbepostkarten gucken, vor denen man sich in Mannheim und Umgebung in keiner Kneipe mehr retten kann. Oder jemanden fragen, der sich auskennt. Aber recherchieren … das machen halt nur die … wie hießen die nochmal?

Journalisten, genau, Frau Rentsch.

Setzen, Sechs.

Leipzig liegt in Hessen

Unschön aufgestoßen ist mir dieser Tage der Beschluss der Buchmesse Leipzig, den Ausstellern des Fantasy-Bereichs ab der anstehenden Messe im Märzt 2012 das Verkaufen zu untersagen. Damit verabschiedet sich die traditionsreichste Literaturveranstaltung Deutschlands von einem aus meiner Sicht sehr attraktiven Alleinstellungsmerkmal, das es gerade kleineren Ausstellern ermöglichte, zumindest einen Teil der nicht unerheblichen Messekosten über Buchverkäufe zu refinanzieren, und schwingt sich auf dasselbe hohe Ross, auf dem die Frankfurter Buchmesse schon seit Jahren sitzt.

Grund für diesen Sinneswandel ist angeblich, dass man es benachbarten Ausstellern gegenüber nicht mehr vertreten könne, dass diese nicht verkaufen dürfen. Vorauseilender Gehorsam oder eben doch Klagen der Großen, warum es den Kleinen so gutgehen müsse? Den Verkauf – was ein logischer Schluss wäre – für alle freizugeben, so menetekelt man in Leipzig, werde die Messe in kürzester Zeit zur Ramschverwertungsveranstaltung verkommen lassen.

Interessant, wie wieder mal der Gleichbehandlungsgedanke genau  in dem Zeitpunkt aus der Schublade gezogen wird, wo er den Gleicheren nutzt. Denn wie sagt schon Orwelll in Animal Farm: „All animals are equal, but some are more equal than others.“ Wehe, wenn der Gedanke, gegen die Ungleichheit zu sein, zur Waffe im Arsenal derer wird, deren Wesenszug sie doch ist.

Der Mann mit dem Kaffeewärmer

Nun isser also wieder weg, der Benny. Gut so. Viel Unnötiges hat er geredet, und die Menschen sind zu ihm hingerannt, als wär‘ es Robbie Williams oder Justin Bieber … dabei besteht nicht mal beim allerbesten Willen eine auch nur oberflächliche Ähnlichkeit. Immerhin weiß ich jetzt, wo der in der Erbmasse fehlende Kaffeewärmer hingekommen ist, der jahrzehntelang das Küchentischambiente meiner verstorbenen Großmutter Babette prägte (s. Bild). Wie er nach Rom gekommen ist, ist mir allerdings nach wie vor schleierhaft.

Genau wie eine Reihe anderer Dinge übrigens. Bis heute hat mir keiner genau erklären können, in welcher Funktion der Herr Ratzinger vor dem Bundestag, der ja mich, der ich Angehöriger des deutschen Volkes bin,  als Teil-Souverän in Berlin vertritt, geredet hat.

War es als Oberhaupt der katholischen Kirche? Kann eigentlich nicht sein, denn im Grundgesetz steht dieser Gleichbehandlungsgrundsatz … und der Dalai Lama hat nicht im Bundestag reden dürfen. Das finde ich ich prima, denn ich bin für eine strenge(re) Trennung von Kirche und Staat, aber wenn es der „Peter Lustig für enttäuschte Christen“ (danke Hagen Rether!) nicht durfte, dann sollte es der bayrische Gottes-CEO auch nicht dürfen.

Oder war es als Staatsoberhaupt des Vatikans? Kann eigentlich nicht sein, denn Staaten, die die UN-Menschenrechtserklärung nicht unterschrieben haben, finden wir gemeinhin pfui, und dass der Gottesstaat seriell Menschen u. a. aufgrund von Geschlecht, Religionszugehörigkeit und sexueller Präferenz usw. diskriminiert, steht ja sicher außer Frage.

Hmmm … geheimnisvoll. Haben wir also all das schöne Geld aus Versehen für einen Religionsführer oder aus Unachtsamkeit für das Oberhaupt eines undemokratischen Staates mit mittelalterlichem Menschenbild ausgegeben? Ach, ist ja eigentlich egal … futsch isses in jedem Fall, der Herr Großinquisitor a. D. ist wieder daheim … schade nur um meinen Kaffeewärmer.

Still crazy after all these years

Ich habe auf der Steampunk-Convention in Luxemburg eine alte Bekannte wiedergetroffen … sie hat mich erkannt, dankenswerterweise, denn gesichtsblind wie ich bin hätte ich die ebenfalls dort öffentlich lesende Kollegin nicht ohne weiteres der Prinzessin der Domäne Saarbrücken aus seligen Vampire-Live-Zeiten zugeordnet. Ihren Blog „Absonderliches“ findet ihr ab sofort nebenan in der Blogroll.

Schaut doch mal bei Isa Theobald vorbei oder lest, was sie schreibt. Willkommen zurück in meinem Gesichtskreis, Isa!

ANNO 1900 – 1. Steampunk- und Gaslightconvention in Luxemburg

ANNO 1900 - 1. Steampunk und Gaslight Convention in Luxemburg

Am 24. und 25. September findet im Süden Luxemburgs, in Petange, die erste Steampunk-Convention statt. Die Convention wird auf einem wunderschönen Areal stattfinden: http://www.fond-de-gras.lu/

Geboten werden:

  • diverse Steampunk-Aussteller
  • ein Originalkinematograph aus dem Jahre 1900
  • eine Laterna Magica aus dem Jahre 1900
  • Zugfahrten mit einem Dampfzug aus dem Jahre 1900 (http://www.train1900.lu)
  • Varieténummern
  • Konzert der Gruppe Cyberpiper and the Steampunk Project (Samstag, 20:00 Uhr)
  • Spaß für die kleinsten Besucher (Dampfkarussell)

Ich werde dort zusammen mit Julia einen Feder&Schwert-Stand betreuen und täglich zur Teestunde öffentlich vorlesen; samstags aus Oliver Plaschkas „Der Kristallpalast“ und sonntags aus „Die Götter von Whitechapel“. Vielleicht sieht man sich ja …